Okt 16 2020

Otfried Nassauer ins tot! Ein Brief an Otfried

So, Paukenschlag, Sonntag, 4. Oktober 20. Die Nachricht erreicht uns aus Holland, ein Freund von Peter: Otfried ist gestorben. Ich denke, Holland, das stimmt ja vielleicht gar nicht, also PC wieder hochgefahren, Google-News. Taz. Ja, es stimmt, Du bist tot. Ich glaube es immer noch nicht, rufe Deine Telefonnummern an – überall die mir so vertraute Ansage Deiner Stimme: „please leave a message after the beep“
Seitdem sind einige Tage vergangen, viele Telefonate, mit denen, mit denen wir zusammengearbeitet haben, diskutiert haben über den Weg hin zu einer friedlicheren Welt. Kontakte, die schon fast eingeschlafen waren.

Mit Dir fing alles an
Das stimmt nicht wirklich, ich war schon früh Mitglied des KB, aber irgendwann dann, so ca. als ich 25 war, haben wir uns irgendwo auf einer Veranstaltung kennengelernt.
Ehr durch Zufall wurde ich Spitzenkandidatin der Grünen SH. Quotierung galt schon damals bei Grüns, und ich war eben „Frau“
Also Platz 1. Und gar nicht so viele Gedanken an Bundestag. Erst als dann die ersten Umfragen kamen war mir klar, es kann sein, dass die Grünen erneut die 5% Hürde überspringen. Die Lage war also ernst, Telefonate mit dem „Langen“ uvm. Und mehrere Male mit Otfried. Was tun?
Du hattest den genialen Vorschlag. Wir brauchen eine Klausur, abgeschieden, nur think tank.
La Plaine – Südfrankreich im Dezember
Wir haben uns – bzw. Du Dich, für ein kleines Domizil in Frankreich, La Plaine, entschieden. Ich war damals Beisitzerin im Bundesvorstand der Grünen, habe meistens in einem Nebenhäuschen in Wittgenstein gewohnt- Dort hast Du mich abgeholt, mein Sohn mit Dir an Bord, und wir Drei sind los nach Frankreich.

Ich glaube, wir hatten nur 3 Tage Zeit dort, heimelig, einfach, ein Donnerbalken als WC. Wir haben diskutiert und Deine Aussage war so klar, wie alles, nach dem Du bis zu Deinem Lebensende gehandelt hast. „Du musst, wenn Du Militär und Rüstung bekämpfen willst, in den Verteidigungsausschuss. Mann und Frau müssen ihre Gegner kennen, wenn man erfolgreich gegen sie etwas unternehmen will!
Die Entscheidung ist in La Plaine gefallen, Ziel Verteidigungsausschuss – und dann wurde ich tatsächlich gewählt. Damals war es keine Selbstverständlichkeit, dass Frauen unbedingt in den Verteidigungsausschuss wollten, aber meine Fraktion hat es letztlich unterstützt.
Der Kopf ist Rund…..
Meine ersten Reden als Verteidigungspolitikerin waren holprig. Ich erinnere mich gut, dass wir meine erste Haushaltsrede zusammen mit Erich Schmidt Eeenbohm vorbereitet haben. Zahlen waren noch nie mein Ding. Ich habe dann auch in DER Rede Millionen und Milliarden durcheinandergewürfelt. Wie peinlich! Aber Ihr wart mir nicht böse.
Spaß am Handeln, von Wörner bis ….
Wir haben unsere Fantasie nie eingegrenzt. Und als es tatsächlich zum bevorstehenden Abzug der Pershing kam, hatten wir die Idee, dass ich Ex-Verteidigungsminister Wörner während meiner Rede Knieschoner überreiche, denn er hatte mal gesagt, wenn es zu einem Abzug der Pershing kommen würde, was er nicht wollte, würde er von seinem Heimatsort auf Knien zum Bundestag rutschen…
Ich hatte dann eine Rede in der Kanzler-Runde. Dr. Helmut Kohl, und Du hast mir ein wunderbares Zitat von Francis Picaba in den Mund gelegt „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“. Kohl blickte düster, und ich musste mir ein Lachen verkneifen.
Du warst ein toller, unersetzlicher Wegbegleiter. So oft haben wir dann vor allem nach der Vereinigung Deutschlands in Berlin zusammengesessen. Diskutiert. Außenminister Joschka Fischer gerettet in der Kosovo Krise mit unserem 6 Punkte Plan, Rüstungsschweinereien aufgedeckt – bis vor Kurzem noch.
Es gab auch kleine andere Episoden. Ich hatte einen Wurf junger Katzen, und die beiden Kater habe ich Tiger und Panther genannt. Prompt kam Dein Anruf, warum ich mir außer Panzernamen keine anderen Namen einfallen für die Kleinen?

Viele kleine große Anfragen haben wir zusammen vorbereitet. Wir waren nicht immer einer Meinung. Aber Dein BITS war immer die Datenbasis, um Regierende – gleich welcher Partei und welcher Regierung – in die Enge zu treiben. Das hat Spaß gemacht, und war vor allem politisch echt notwendig. Immer sachlich, immer Fakten. Egal ob es um Schröders Vorhaben ging, Panzer an die Türkei zu liefern: daraus wurde dann nur ein Testpanzer – und auch während der Balkan Krisen und Kriege haben wir immer wieder Wege gesucht, raus aus der Eskalation – Du hast immer gewarnt vor Situationen des „slippery slope“ und hattest fast immer Recht.
Lieber Otfried, da ist nun sehr sehr kurz. Ich denke an Dich. Unsere Diskussionen werden mich weiter begleiten, einen Weg zur Analyse, nicht zurück in die Parlamente. Ich bleibe Pirat– seit nunmehr 11 Jahren – und auch das hat uns nicht entfernt!


Angelika Beer bei Twitter:
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